Teil 1
Das Ende der Jugend
Ein schriller Pfeifton hallte durch den graugestrichenen Gang. Er unterbrach abrupt die scheinbar idyllische Ruhe. Aber nichts sonst erinnerte an diesem Ort an Idylle. Die Nacht war vorüber. Vorbeigegangen wie all die sinnlosen Nächte des Schlafes. Verlorengegangen in ohnmächtiger Dunkelheit. Ich rappelte mich aus meinem Stahlbett und schloss meinen Spind auf. Der tagtägliche Alptraum hatte mich wieder erfasst. Er durchfuhr meine Knochen wie der Blitz eines trostlosen Herbstgewitters. Alles hier war trostlos. Mein Dasein, meine Gedanken, die Aussicht auf den kommenden Tag. Es war Anfang Januar, und ich war seit drei Tagen Soldat der Armee der Demokratischen Republik Ostland. Diese Tatsache war die trostloseste von allen. Die anderen fünfzehn Männer des Zimmers 213 waren ebenfalls von ihren Betten aufgestanden und gingen schweigend ihren morgendlichen Tätigkeiten nach. Bis auf einen hatte ich niemanden von ihnen jemals zuvor gesehen. Nun waren wir zu Leidensgenossen geworden, die sich ein paar Quadratmeter Raum miteinander teilten. Der staatsbürgerlichen Pflicht nachkommend. Nach der Körperpflege und dem vorschriftsmäßigen Bettenbau machte ich mich daran, die Uniform überzustreifen. Diese gehasste Uniform, die all das verkörperte, was ich zutiefst verabscheute. Die Vereinheitlichung von Menschen zu einer Masse hirnloser Individuen. Uniformen zerstörten diese Welt. Und die Menschen, die an sie glaubten, sie verehrten, die für dieses Stück Stoff alles tun würden. Sei es noch so abstoßend und verabscheuungswürdig. Ich wienerte meine Stiefel auf Hochglanz, um der Norm gerecht zu werden, und begab mich in den Speisesaal. Das ganze Leben hier schien reglementiert zu sein. Gespickt von Auflagen, Vorschriften und Verboten. Gesetzen, die geeignet waren zu unterdrücken. Gesetze, für eine Handvoll von Personen zur Legitimation ihrer Machtausübung. Niemals waren alle Menschen vor den Augen dieses Gesetzes gleich. Es war für jene bestimmt, die es sich zunutze machten. Ihren Vorteil daraus zogen. Auch Gesetze zerstörten diese Welt. Als ich am Ende der Warteschlange vor dem Speisesaal anlangte, betrachtete ich die Gesichter der Männer, die vor mir standen. Verzweiflung, Abwesenheit, Gleichgültigkeit waren darin zu lesen. Niemand hier fühlte sich glücklich oder zufrieden. Bloß hoffend, dass auch dieser Tag vorübergehen würde. Trotzdem gaben mir diese Gesichter Mut. Ich war nicht der Einzige, der sich mies fühlte. Als ich endlich meine Ration empfangen hatte, setzte ich mich auf einen freien Stuhl und schlang das Essen in mich rein. Alles musste rasch gehen, denn stets drängte die Zeit. Und eine Entschuldigung für ein Zuspätkommen gab es nicht. Als ich den Fraß in mich
hineinwürgte, kam ich auf den Gedanken, mich selbst zu verspeisen. Das Brot, die Butter, die Wurst. Selbst der Kaffee. Der Kreislauf des Systems ließ einen nie los. Ein stetes Einnehmen und wieder Ausscheiden. Niemals war auch nur ein Stückchen von Freiheit in Sicht. Ich aß hier nicht Frühstück, ich aß meine Hände, meine Füße, meine Seele, meinen Verstand. All das versuchten sie aus einem herauszuschneiden. Solange bis man zerstört war. Zerbrochen und zerstört. Mir wurde schlecht. Ich nahm das Tablett, lieferte es ab und begab mich wieder auf Zimmer 213. Schweigend blickten wir auf die Uhr. Noch drei Minuten. Noch zwei. Noch eine. Dann ertönte wieder dieser Pfiff. Dieser Pfiff war wie das Signal zu sterben. Der Zimmerkommandant riss die Tür auf, trat vor und empfing den durch den Flur geschrienen Befehl. Dann schloss er wieder. So wie all die anderen Zimmerkommandanten meiner Kompanie auch. Er brauchte uns die Verlautbarung nicht mitzuteilen. Wir hatten sie alle gehört. Wieder hieß es warten. In diesen Sekunden standen meine Gedanken völlig starr. Ich hatte nur einen Wunsch. Weit weg zu sein. Doch hier war kein Platz für Wünsche. Und Hoffnungen. Nicht einmal für Träume. Und wo hätte ich auch schon mein Begehren deponieren können? Der Weihnachtsmann war tot. Die Jungfrau Maria war tot. Selbst Gott war tot. Alles war tot. Nur eines war allgegenwärtig. Das Gefängnis, dessen Mauern immer näher rückten. Dann ertönte erneut der schrille Klang der Pfeife. Wieder öffneten sich die Türen und der Diensthabende forderte uns mit einer gebrüllten Parole auf, auszutreten. Wir stürzten aus dem Zimmer raus auf den Gang und liefen die 56 Treppen hinab in den Hof. Die Ausbildner, die auf dem Weg dahin postiert waren, feuerten uns dabei mit derben Flüchen an. So ging das jeden Tag. Pfiffe, Schreie, schwarze Stiefel in hektischer Bewegung, Treppen rauf und runter. Solange bis wir ihrer Meinung nach schnell genug gewesen waren. Am Platz angelangt schoben wir uns in die eingeteilten Formationen. Vier Glieder zu je zehn Mann pro Zug. Meine Kompanie bestand aus zwei Zügen. Also 80 Mann. 80 Mann, die darauf warteten, zu blindem Gehorsam erzogen zu werden. Dieses Mal hatten wir Glück gehabt. Wir waren rechtzeitig angetreten. Der Diensthabende stellte sich vor die Kompanie und nahm die Vergatterung vor. Wir standen wie Zinnsoldaten. Blick geradeaus, Körper durchgestreckt, Brust vorstehend, Kinn angehoben, die Fußspitzen eine halbe Schuhlänge geöffnet. Wie Figuren in einem überdimensionalen Schachspiel. Wie Bauern, deren Opferung wenig Nachteil bedeutete. Ich starrte auf die Mütze meines Vordermanns und verfluchte den Tag meiner Geburt. Ich sehnte mich nach den wenigen glücklichen Tagen meiner Jugend zurück. An Tage, wo ich trotz allem noch gelebt hatte. Nun war alles verschwunden. Versunken im tiefschwarzen Krater der Gesellschaft, des blödsinnigen Systems. Der Diensthabende ließ uns ruhen und wir zogen das linke Bein zur Entlastung vor. Der Drill der letzten Tage hatte sich schon bemerkbar gemacht. Mein ganzer Körper war mechanisch geworden. Die Befehle bereitwillig ausführend. Wir waren alle dazu verdammt, Roboter zu werden. Zur Maschine umfunktioniert. In dieser Fabrik des Wahnsinns. Der Spieß, der höchstgestellte Unteroffizier, baute sich vor uns auf und ging die Anwesenheitsliste durch. Er rief die alphabetisch angeordneten Namen der Wehrdienstleistenden auf und ließ sich deren Präsenz durch einen kurzen Ruf bestätigen. All diese Namen, die nichts bedeuteten. Die auf immer und ewig unbekannt blieben. Deren Geschichte niemanden interessierte. Schließlich wurde auch ich aufgerufen. Collins. Ich meldete meine Anwesenheit und schwieg weiter vor mich hin. Collins. Mika Collins. Das war ich. Soldat in Diensten des Staates Ostland. Dieses Staates, den ich hasste. Und die Menschen, die darin die Macht repräsentierten. Ob Legislative, Exekutive oder Jurisdiktion. Die ganze eingeschworene Gemeinschaft dieser hirnlosen Pharisäer. Als Außenstehender blieb man stets ein Spielball, der solange getreten wurde, bis ihm die Luft ausging und er am Straßenrand liegengelassen wurde. Hätte ich einen Weg gewusst, sie zu töten, wäre mir jedes Mittel recht gewesen. Aber es gab auch noch eine andere Möglichkeit. Ich musste versuchen, sie aus meinen Gedanken zu löschen. Dann waren sie besiegt. Nicht mehr fähig, mich anzugreifen. Doch noch war ich nicht stark genug. Noch war ich zu verwirrt. Zu sehr von den Ereignissen rings um mich herum verängstigt und gelähmt.