Trilogie des Todes

Der Autor:

Michael Koller (geb. 1972) absolvierte im Jahr 1991 die Handelsakademie in Gmünd, leistete seine Wehrpflicht beim Militär ab und arbeitete anschließend in unterschiedlichen Branchen und Berufszweigen. Nach der Hochzeit mit seiner Frau Susanne übersiedelte er im Jahr 2004 nach Hoheneich, wo er heute gemeinsam mit seiner Gattin, seiner Tochter Julia und seinem Sohn Lukas lebt. Das Schreiben begleitete ihn seit seiner Schulzeit und er arbeitete viele Jahre im Printmedienbereich und als Sportreporter bei einigen Onlineplattformen. Heute schreibt er Reportagen für unterschiedliche Magazine, betreut einige institutionelle Webauftritte und ist ehrenamtlich bei zwei Sportvereinen in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Zudem ist er Leiter der Bücherei in seinem Heimatort, wo er auch die Gemeindezeitung verfasst, für digitale Medien zuständig ist und das Archiv betreut. „Tödliche Sprichwörter“ ist seine elfte Romanveröffentlichung.


Kurzbeschreibung:

Mika Collins, ein desillusionierter junger Mann, tritt seinen Militärdienst bei der ostländischen Armee an und gerät in eine Welt aus Brutalität, Alkohol und Schikane. Hoffnungslosigkeit und innere Finsternis prägen seinen Alltag. Als sein Kamerad Chris Leitner in einer Diskothek ermordet wird und die Polizei versagt, beginnt Mika auf eigene Faust zu ermitteln. Während sich politische Spannungen zum Krieg zuspitzen, treibt ihn die Suche nach Gerechtigkeit immer weiter in den moralischen Abgrund. Vom Opfer zum Täter wandelnd, erkennt er die Wahrheit erst, als es längst zu spät ist.

Einschätzung:

Das Krimidrama „Trilogie des Todes“ zeichnet in drei Kapiteln die Geschichte eines Menschen, der sich auf der Suche nach seiner Persönlichkeit befindet und dabei immer wieder in Konflikt mit seinen eigenen Ansprüchen gerät. Es zeichnet sich ein düsteres Bild eines von Selbstsucht, Unterordnung und Vereinheitlichung geprägten Kosmos ab, was letztlich im Schwert seinen Richter findet. Der Protagonist der Geschichte vereint dabei sämtliche Widersprüche und Gegensätze, die diese Welt prägen, auf seine eigene Person, vor der er sich letztlich selbst erschaudert. Ebenso wie vor der Aufklärung eines perfiden Mordes, der ihm den letzten Glauben an die Menschlichkeit raubt.

Onlinebestellung:

AMAZON.AT

Presseinformation:



Leseprobe:

Teil 1

Das Ende der Jugend

Ein schriller Pfeifton hallte durch den graugestrichenen Gang.
Er unterbrach abrupt die scheinbar idyllische Ruhe. Aber nichts
sonst erinnerte an diesem Ort an Idylle. Die Nacht war vorüber.
Vorbeigegangen wie all die sinnlosen Nächte des Schlafes. Verlorengegangen
in ohnmächtiger Dunkelheit. Ich rappelte mich
aus meinem Stahlbett und schloss meinen Spind auf. Der tagtägliche
Alptraum hatte mich wieder erfasst. Er durchfuhr meine
Knochen wie der Blitz eines trostlosen Herbstgewitters. Alles
hier war trostlos. Mein Dasein, meine Gedanken, die Aussicht
auf den kommenden Tag. Es war Anfang Januar, und ich war
seit drei Tagen Soldat der Armee der Demokratischen Republik
Ostland. Diese Tatsache war die trostloseste von allen. Die anderen
fünfzehn Männer des Zimmers 213 waren ebenfalls von
ihren Betten aufgestanden und gingen schweigend ihren morgendlichen
Tätigkeiten nach. Bis auf einen hatte ich niemanden
von ihnen jemals zuvor gesehen. Nun waren wir zu Leidensgenossen
geworden, die sich ein paar Quadratmeter Raum miteinander
teilten. Der staatsbürgerlichen Pflicht nachkommend.
Nach der Körperpflege und dem vorschriftsmäßigen Bettenbau
machte ich mich daran, die Uniform überzustreifen. Diese
gehasste Uniform, die all das verkörperte, was ich zutiefst verabscheute.
Die Vereinheitlichung von Menschen zu einer Masse
hirnloser Individuen. Uniformen zerstörten diese Welt. Und
die Menschen, die an sie glaubten, sie verehrten, die für dieses
Stück Stoff alles tun würden. Sei es noch so abstoßend und
verabscheuungswürdig. Ich wienerte meine Stiefel auf Hochglanz,
um der Norm gerecht zu werden, und begab mich in den
Speisesaal.
Das ganze Leben hier schien reglementiert zu sein. Gespickt
von Auflagen, Vorschriften und Verboten. Gesetzen, die geeignet
waren zu unterdrücken. Gesetze, für eine Handvoll von Personen
zur Legitimation ihrer Machtausübung. Niemals waren
alle Menschen vor den Augen dieses Gesetzes gleich. Es war für
jene bestimmt, die es sich zunutze machten. Ihren Vorteil daraus
zogen. Auch Gesetze zerstörten diese Welt. Als ich am Ende
der Warteschlange vor dem Speisesaal anlangte, betrachtete ich
die Gesichter der Männer, die vor mir standen. Verzweiflung,
Abwesenheit, Gleichgültigkeit waren darin zu lesen. Niemand
hier fühlte sich glücklich oder zufrieden. Bloß hoffend, dass
auch dieser Tag vorübergehen würde. Trotzdem gaben mir diese
Gesichter Mut.
Ich war nicht der Einzige, der sich mies fühlte. Als ich endlich
meine Ration empfangen hatte, setzte ich mich auf einen freien
Stuhl und schlang das Essen in mich rein. Alles musste rasch
gehen, denn stets drängte die Zeit. Und eine Entschuldigung
für ein Zuspätkommen gab es nicht. Als ich den Fraß in mich
hineinwürgte, kam ich auf den Gedanken, mich selbst zu verspeisen.
Das Brot, die Butter, die Wurst. Selbst der Kaffee. Der
Kreislauf des Systems ließ einen nie los. Ein stetes Einnehmen
und wieder Ausscheiden. Niemals war auch nur ein Stückchen
von Freiheit in Sicht. Ich aß hier nicht Frühstück, ich aß meine
Hände, meine Füße, meine Seele, meinen Verstand. All das
versuchten sie aus einem herauszuschneiden. Solange bis man
zerstört war. Zerbrochen und zerstört. Mir wurde schlecht.
Ich nahm das Tablett, lieferte es ab und begab mich wieder
auf Zimmer 213. Schweigend blickten wir auf die Uhr. Noch
drei Minuten. Noch zwei. Noch eine. Dann ertönte wieder dieser
Pfiff. Dieser Pfiff war wie das Signal zu sterben. Der Zimmerkommandant
riss die Tür auf, trat vor und empfing den
durch den Flur geschrienen Befehl. Dann schloss er wieder. So
wie all die anderen Zimmerkommandanten meiner Kompanie
auch. Er brauchte uns die Verlautbarung nicht mitzuteilen. Wir
hatten sie alle gehört.
Wieder hieß es warten. In diesen Sekunden standen meine
Gedanken völlig starr. Ich hatte nur einen Wunsch. Weit weg zu
sein. Doch hier war kein Platz für Wünsche. Und Hoffnungen.
Nicht einmal für Träume. Und wo hätte ich auch schon mein
Begehren deponieren können? Der Weihnachtsmann war tot.
Die Jungfrau Maria war tot. Selbst Gott war tot. Alles war tot.
Nur eines war allgegenwärtig. Das Gefängnis, dessen Mauern
immer näher rückten.
Dann ertönte erneut der schrille Klang der Pfeife. Wieder öffneten
sich die Türen und der Diensthabende forderte uns mit
einer gebrüllten Parole auf, auszutreten. Wir stürzten aus dem
Zimmer raus auf den Gang und liefen die 56 Treppen hinab
in den Hof. Die Ausbildner, die auf dem Weg dahin postiert
waren, feuerten uns dabei mit derben Flüchen an. So ging das
jeden Tag. Pfiffe, Schreie, schwarze Stiefel in hektischer Bewegung,
Treppen rauf und runter. Solange bis wir ihrer Meinung
nach schnell genug gewesen waren. Am Platz angelangt schoben
wir uns in die eingeteilten Formationen. Vier Glieder zu je zehn
Mann pro Zug. Meine Kompanie bestand aus zwei Zügen. Also
80 Mann. 80 Mann, die darauf warteten, zu blindem Gehorsam
erzogen zu werden.
Dieses Mal hatten wir Glück gehabt. Wir waren rechtzeitig
angetreten. Der Diensthabende stellte sich vor die Kompanie
und nahm die Vergatterung vor. Wir standen wie Zinnsoldaten.
Blick geradeaus, Körper durchgestreckt, Brust vorstehend,
Kinn angehoben, die Fußspitzen eine halbe Schuhlänge geöffnet.
Wie Figuren in einem überdimensionalen Schachspiel. Wie
Bauern, deren Opferung wenig Nachteil bedeutete. Ich starrte
auf die Mütze meines Vordermanns und verfluchte den Tag
meiner Geburt. Ich sehnte mich nach den wenigen glücklichen
Tagen meiner Jugend zurück. An Tage, wo ich trotz allem noch
gelebt hatte. Nun war alles verschwunden. Versunken im tiefschwarzen
Krater der Gesellschaft, des blödsinnigen Systems.
Der Diensthabende ließ uns ruhen und wir zogen das linke
Bein zur Entlastung vor. Der Drill der letzten Tage hatte
sich schon bemerkbar gemacht. Mein ganzer Körper war me-
chanisch geworden. Die Befehle bereitwillig ausführend. Wir
waren alle dazu verdammt, Roboter zu werden. Zur Maschine
umfunktioniert. In dieser Fabrik des Wahnsinns. Der Spieß, der
höchstgestellte Unteroffizier, baute sich vor uns auf und ging
die Anwesenheitsliste durch. Er rief die alphabetisch angeordneten
Namen der Wehrdienstleistenden auf und ließ sich deren
Präsenz durch einen kurzen Ruf bestätigen. All diese Namen,
die nichts bedeuteten. Die auf immer und ewig unbekannt blieben.
Deren Geschichte niemanden interessierte.
Schließlich wurde auch ich aufgerufen. Collins. Ich meldete
meine Anwesenheit und schwieg weiter vor mich hin. Collins.
Mika Collins. Das war ich. Soldat in Diensten des Staates Ostland.
Dieses Staates, den ich hasste. Und die Menschen, die darin
die Macht repräsentierten. Ob Legislative, Exekutive oder
Jurisdiktion. Die ganze eingeschworene Gemeinschaft dieser
hirnlosen Pharisäer. Als Außenstehender blieb man stets ein
Spielball, der solange getreten wurde, bis ihm die Luft ausging
und er am Straßenrand liegengelassen wurde. Hätte ich einen
Weg gewusst, sie zu töten, wäre mir jedes Mittel recht gewesen.
Aber es gab auch noch eine andere Möglichkeit. Ich musste versuchen,
sie aus meinen Gedanken zu löschen. Dann waren sie
besiegt. Nicht mehr fähig, mich anzugreifen.
Doch noch war ich nicht stark genug. Noch war ich zu verwirrt.
Zu sehr von den Ereignissen rings um mich herum verängstigt
und gelähmt.