Der Autor:
Michael Koller wurde am 14.
März 1972 in Gmünd, Niederösterreich geboren. Nach seinem Schulabschluss an der
Handelsakademie, dem Militärdienst und dem Start ins Berufsleben begann er damit, lyrische und belletristische Texte zu verfassen. Neben seiner
beruflichen Tätigkeit in unterschiedlichen Branchen arbeitete er auch viele
Jahre für verschiedene regionale Zeitungen und sonstige Publikationen als
Texter und Fotograf. Seit Mai 2010 verfasst er einen monatlichen Internetblog
mit unterschiedlichen Texten zum aktuellen Zeitgeschehen und historischen
Rückblenden. Im September 2011 erschien beim Verlag Federfrei sein Krimi
„Fallstricke“. 2003 heiratete er seine Frau Susanne und 2010 wurde seine Tochter Julia geboren. Das Schreiben hat ihn in all meinen Lebensjahren stets begleitet und bereitet ihmein
undefinierbares Gefühl der Befriedigung. Wie beim Wandel einer Raupe zum
Schmetterling. Mit dem Thriller „Clara“ realisierte er in vier Monaten ein Projekt,
mit dessen Thematik er sich schon sehr lange befasste.
Kurzbeschreibung:
Wieder ist Alt-Mürren Schauplatz eines Verbrechens. Der Waldviertler
Lagerarbeiter Michael Gruber hadert mit der Welt, die ihn umgibt. In dem Wiener
Großindustriellen Kurt Bergmann sieht er den Schuldigen für sein Unglück und
beginnt, einen Racheplan zu schmieden: Die Entführung von Bergmanns Tochter
Clara. Doch das Partygirl Clara kommt mit der Situation besser klar, als Gruber
gedacht hat - und die Entführung gerät außer Kontrolle.
Einschätzung:
Clara ist ein Thriller mit gesellschaftskritischem Unterton. Er spielt
mit Gegensätzen und nimmt eine aus dem Ruder laufende Medienwelt aufs Korn. Die
Charaktere symbolisieren eine von Einsamkeit, Ignoranz und Geltungssucht
gezeichnete Gesellschaft, die letztlich keinen Platz für Individuen hat.
Nachdenkliche Spannung von der ersten Seite an.
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Leseprobe:
Kapitel 1 - Gegensätze
1
Ich sprang über den Rand der Laderampe und verließ das Betriebsgelände. Niedergeschlagen schlurfte ich den Schotterweg entlang zu meiner alten Klapperkiste und hoffte im Stillen, dass sie anspringen möge. Der Werktag war vorbei. So, wie jeder verfluchte Tag einmal vorbeiging. So, wie er immer enden würde. Bis in alle Ewigkeit. Ohne Sinn, ohne Verstand, ohne jede Vernunft. Es war ein grässlicher Tag gewesen. Daran konnte auch die kräftige Herbstsonne nichts ändern, die sich unerbittlich über meinem Haupt ergoss. Ich schloss den Wagen auf und begab mich auf den Heimweg. Dreißig Minuten Asphalt lagen vor mir. Dreißig Minuten Wahnsinn. Ich drehte das Radio an und ließ den Tag gedanklich noch einmal Revue passieren. Doch ich fand nichts, was sich zu erinnern lohnte. Nur Leere. Nur der Drang, dem zu entfliehen.
2
Clara war perfekt. Und so fühlte sie sich auch, als sie sich gemütlich in die Kaschmirdecke schmiegte und den nahenden Abend herbeisehnte. Die Abende waren immer großartig. Ganz zu schweigen von den Nächten. Schon bald würde sie sich schick machen für die heutige Party. Sie liebte Partys. Den Champagner, die tolle Musik, die Männer, die sie mit Komplimenten überschütteten. Den Luxus zu tun, was auch immer ihr beliebte. Im Stillen bedauerte sie die Kreaturen, die sich tagtäglich dem Joch der Arbeit hingaben. In ihrer Welt spielte der Existenzkampf keine Rolle. Philip hatte ins »C3« geladen. Nur das stand im Fokus. Ach, was für ein herrlicher Abend würde das werden. Eisgekühlter Wodka aus der Drei-Liter-Magnumflasche, tolle DJs und jede Menge Verehrer. Was sollte sie nur anziehen?
3
Ich nahm an meinem üblichen Tisch Platz und bestellte ein Glas Bier. Es war der erste Genuss des ganzen Tages. Das Bier, das geschmeidig in meinen Körper eindrang. Ich kam regelmäßig hierher und war so etwas wie ein Faktotum. Eine zur Gewohnheit gewordene Randerscheinung für die hier verkehrenden Menschen. Doch es waren nicht die Leute, die mich interessierten. Es war das Leben an und für sich. Das Kommen und Gehen. Das stetige Treiben in einer unaufhaltsamen Welt. Nur wenige blieben dauerhaft sitzen und gaben sich den Genüssen des Gerstensafts voll hin. Nur wenige? Nun, wohl kaum einer außer meiner bescheidenen Wenigkeit. Doch gerade das machte mir Spaß. Dieser endlose Fluss, der nirgends hinführte. Ein Glas Wein hier, ein Schnaps dort. Niemand blieb lange. Die Konventionen erlaubten es nicht. Nicht in einem Dorf wie Alt-Mürren, wo jeder jeden kannte. Wo mich jeder kannte. Aber ich blieb hocken. Aus Freude genauso wie aus Trotz. Denn was scherte mich die Konvention? Ich trank des Trinkens willen. Der Tag hatte genügend Opfer verlangt. Womöglich zu viele. Ich bestellte noch ein Glas und hoffte auf Wirkung. Doch die würde sich erst sehr viel später einstellen.
4
Clara zog ihre Strümpfe mit einem lasziven Lächeln auf ihrem purpurnen Mund an. Eigentlich war es um diese Jahreszeit noch zu warm für Strümpfe, doch sie liebte den Reiz daran. Den Reiz, den junge Männer in ihrer Nähe verspürten, wenn sie rein zufällig über ihre Nylons strichen und eine Vorstellung davon bekamen, wie sich ein echter weiblicher Körper anfühlte. Sie liebte diese Erotik, diese Unnahbarkeit und spielte sie voll aus. Nach einigen Telefonaten mit ihren langweiligen Freundinnen hatte sie erfahren, dass auch Presse und Fernsehen mit großer Zahl bei der Party erscheinen würden. Welch ein Traum. Einmal das Rampenlicht wie France Marriott zu genießen. Einem Vorbild, welchem sie schon lange nacheiferte. An diesem Abend würde sich also eine Gelegenheit bieten, in vorderster Reihe für Aufmerksamkeit zu sorgen. Als Clara all das verinnerlicht hatte, rief sie ihr »Mädchen«, wie der Geldadel seine weiblichen Bediensteten auf ebenso vertrauliche wie herablassende Weise nannte, und befahl die Herausgabe der edelsten Garderobe und des teuersten Schmucks, den sie in ihrem jungen Leben angehäuft hatte.
5
Ich saß in meinem Wohnzimmer mit einer Flasche Rotwein vor mir auf dem Tisch und starrte ins Leere. Don Giovanni sang gerade davon, wie sehr er alle Frauen liebte. Nun, ich hatte nur eine geliebt. Und sie war gegangen. Unwiderruflich. An einen Ort, den niemand kannte. Meine Augen blieben trocken. Es gab nichts mehr zu beweinen. Selbst meine eigene Verzweiflung nicht. Meine beiden Katzen schmiegten sich noch fester an mich und spendeten Trost. Meine beiden Katzen waren alles, was geblieben war. Der Rest war bloß noch schmerzliche Erinnerung. Ich nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und lauschte weiter Mozarts Genie. Schloss die Augen und begann, über mein Leben, meine Existenz, meinen Sinn, meine Zukunft nachzudenken. Ich hatte einen miesen Job, der gerade den Tariflohn abwarf, lebte in einem von meinen Eltern vererbten Haus, das zusehends verfiel und vereinsamte zusehends. Ich hatte genug von den Menschen. Den Freundschaften, den Enttäuschungen, die sie ständig bereithielten. Etwas Dunkles, Finsteres hatte sich nach und nach in meine Seele geschlichen und breitete sich dort aus wie ein endlos langes, wallendes Tuch, das alles verdeckte, was einmal Bestand hatte. Die Uhr tickte. Die Zeit rückte näher, wann all das unerträglich wurde und mein kleines Geheimnis ihre Bestimmung erfüllte.