Der Konzern

Der Autor:

Michael Koller, geboren am 14. März 1972, lebt in Hoheneich bei Gmünd im Waldviertel. Nach Abschluss der Handelsakademie war er in unterschiedlichen Berufszweigen tätig und lernte so den Facettenreichtum des Lebens bestens kennen. Seine Leidenschaft war und ist das Schreiben. Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte, Romane und Internetblogs umreißen das Repertoire des Enfant Terribles der Waldviertler Schreibzunft. 

Kurzbeschreibung:

Mary Jones wird in einer Kleinstadt in Tennessee als viertes Kind eines Baumwollfarmers geboren. Nach einer schweren Kindheit bekommt sie schließlich eine Anstellung bei dem Saatgutgiganten Santomon. Bald entdeckt sie die Missstände im Unternehmen und einen Händel mit dem Militär. Kurz vor ihrem Tod ersinnt sie einen Plan, ihren Geist in ein neues Leben hinüber zu retten.

Einschätzung:

„Der Konzern“ ist die Geschichte zweier völlig unterschiedlicher Menschen, die sich im „wahren Leben“ wohl niemals kennen gelernt hätten. Die Story umspannt die Jahre 1972 bis 2036. Mary Jones, die Hauptprotagonistin des ersten Kapitels, stellt eine junge, lebensfrohe Wissenschaftlerin dar, die dem Tod vor Augen die eigene Gutgläubigkeit gegenüber dem System in Frage stellt. Im zweiten Abschnitt sehen wir dem gegenüber einen jungen Mann, der sich bis fast zur Selbstaufgabe anpasst. Kompensation für seine Trostlosigkeit findet er in den Abenteuern, welche ihn während dieses Thrillers laufend begleiten.

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Leseprobe:

Kapitel 1

Diese Welt

Novembertage

»Vierzigste, Ecke fünfte!«, sagte ich zum Fahrer und schlug die Tür hinter mir zu. Ich blickte mich kurz im Fahrgastraum um und entdeckte eine grüne, aus Gummi gefertigte Maske, die auf der Fußmatte neben mir lag. Ein Überbleibsel aus der vergangenen Halloween-Nacht. Der Lenker brummelte nur etwas Unverständliches, und das Taxi fuhr ab. Ein paar Blocks schnurgerade Richtung Süden war keine allzu einträgliche Fuhre. Alltagsgeschäft eben. Ich schloss meine Augen. Kehrte an den Ort zurück, den ich gerade verlassen hatte. Das Schwarzhaarige Mädchen von Egon Schiele tauchte wieder vor mir auf. Jenes Bild, das ich noch vor wenigen Minuten so intensiv, so inbrünstig im Museum of Modern Art studiert hatte. Es ganz und gar verschlang. Mich zerrissen fühlte, bis ich endlich verstand. Oder zumindest zu verstehen glaubte, was der an der Spanischen Grippe zugrunde gegangene Maler dem Betrachter offenbarte. Schon morgen würde ich mich erneut dieser Prüfung unterziehen. Bei einem anderen Bild, einem anderen Genie. 
»Neun Dollar fünfzig, Lady«, forderte der Chauffeur seinen Lohn. Alles war auf ein Minimum reduziert worden. Ich öffnete mein Portemonnaie und gab ihm einen Zehner.
»Happy Halloween«, verabschiedete ich mich und trat auf den Bürgersteig. Leichter Regen setzte ein. Ich schulterte meine klobige schwarze Handtasche und strich durch mein schulterlanges brünettes Haar. Zweiundvierzig Jahre alt. Die Hälfte davon hatte ich geträumt, irgendwann einmal hier zu leben. Mitten in Manhattan. Nun war es geschehen. Doch ich war nicht glücklich. Spürte eigentlich nichts bis auf ein Gefühl, das sich immer wieder wie eine lähmende Angst quer durch meinen Körper zog. Ich ging in das kleine Lebensmittelgeschäft eines gebürtigen Syrers namens Ahmet und ließ mir in dünnen weißen Plastiktüten mein Abendessen einpacken. Eine Zwei-Liter-Flasche Orangensaft, Fladenbrot, Oliven, Käse und eine süße orientalische Köstlichkeit, deren Namen ich mir nicht merken konnte. Wieder auf der Straße huschte ich durch den stärker werdenden Niederschlag und trat rasch unter das kurze Vordach des Hotels, in dem ich seit ein paar Tagen logierte. Die Zimmer im Yardiott wurden je nach Saison und Ausstattung zwischen hundertfünfzig und zweihundert Dollar pro Nacht an Touristen oder Geschäftsreisende verhökert. Eigentlich ein stolzer Preis, nicht aber für New Yorks 5th Avenue. Ich hatte mit dem Manager gesprochen und wurde schließlich für fünfhundert Dollar pro Woche, ein halbes Jahr im Voraus, in einem Queen-Size-Room im 26. Stock einquartiert. Cash, versteht sich. Ohne Zimmerservice. Wäschetausch alle sieben Tage. Staubsauger und Putzutensilien konnten bei den Etagenmädchen ausgeliehen werden. Ich hatte seit Kindheit an genügsam gelebt. Und würde das so lange weiter tun, bis der Krebs in mir mich zerfressen hatte.

*

Nachdem ich meine Mahlzeit an dem schmalen Schreibtisch neben der Fensterfront eingenommen hatte, legte ich mich auf die Polstercouch gegenüber und machte den Fernseher an. Zappte mich durchs Programm und blieb schließlich bei einer Sendung über Astronomie hängen. Das Gesetz der Sterne hatte mich stets fasziniert, mich mitunter jedoch auch meines eigenen Lebenssinns beraubt. Im Bestreben, etwas zu begreifen, was nicht zu begreifen war. Hier in diesem urbanen Moloch, diesem Meer aus Licht waren die funkelnden Punkte am nächtlichen Himmel nicht zu erkennen. Und damit verschwand für die Menschen auch der Blick nach draußen. Die Demut vor wahrer Größe und Schönheit. Wer keine Sterne sah, sah nur noch sich selbst. Und den kleinen Haufen, den er aus dem Erdboden scharrte. So hatte ich schon immer gedacht. Auch in jenen Tagen, an denen ich noch Ideale vor mir hertrug. An denen ich noch an etwas glauben wollte. Doch diese Tage waren gezählt. Noch ehe ich jenen verhängnisvollen Anruf erhalten hatte. Ich entsann mich an diesen Tag zurück, während vom Bildschirm an der Wand der mächtige Jupiter seine Kreise zog.

*

»Mary«, meldete sich die Stimme des Betriebsarztes, als ich den Hörer zu meinem Büroanschluss abgenommen hatte. »Doktor Wincastle hier. Komme doch im Laufe des Nachmittags zu mir rüber. Die Untersuchungsergebnisse sind da.« Die Mitarbeiter der Forschungslabors mussten sich alle drei Monate einem gründlichen Medizincheck unterziehen. Das war Standard. Nicht Standard hingegen war, dass man nach Auswertung der Tests angerufen wurde. Irgendetwas konnte also nicht stimmen. Ich brach die Analyse der Versuchsreihe ab, die wir uns am Vortag vorgenommen hatten, und ging auf direktem Weg zu Wincastles Ordinationsraum.
»Spuck‘ es schon aus«, forderte ich mein Gegenüber ohne Umschweife auf, während ich mich in den breiten Drehlederstuhl vor seinem Schreibtisch setzte. Wincastles Blick ging nach unten. Hin zu einem Fluchtpunkt, in den er sich zu verkriechen suchte. Das war an seiner ganzen Körperhaltung herauszulesen. Er atmete tief und schwer, ehe er sich sammelte und mir dann direkt ins Gesicht sah.
»Wie lange kennen wir uns jetzt schon, Mary?«, stellte er mir eine etwas zu durchsichtige Frage. Er wollte Zeit gewinnen. Was das in mir wachsende Unwohlsein gerade noch förderte. Nichtsdestotrotz spielte ich mit.
»Seit ich hier angefangen habe, Clarke. Beinahe siebzehn Jahre ist das mittlerweile her.« Er nickte wohl wissend. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatten wir so etwas wie Gefühle zueinander gehegt. Doch es war nie über einen heißen Flirt hinausgegangen. Wie so oft in meinem Leben.
»Ich habe mir gemeinsam mit Professor Byton aus der Zentrale die Ergebnisse der Magnetresonanz deines Bauchraumes angesehen.« Byton war der Chefarzt des Unternehmens, das in Saint Louis seinen Hauptsitz hatte. Dazu kamen Niederlassungen in einunddreißig Bundesstaaten und viele weitere auf der ganzen Welt. Der Doktor blickte mich ernst an, während mein Pulsschlag in den Ohren zu pochen begann.
»Bauchspeicheldrüsenkrebs«, würgte er, auf weitere Umschweife verzichtend, hervor. Ich riss meine Augen weit auf. Ich hatte mit vielem gerechnet. Doch nicht mit einem Todesurteil.

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