Kapitel 1
Diese Welt
Novembertage
»Vierzigste, Ecke fünfte!«, sagte ich zum Fahrer und schlug die Tür hinter mir zu. Ich blickte mich kurz im Fahrgastraum um und entdeckte
eine grüne, aus Gummi gefertigte Maske, die auf der Fußmatte neben
mir lag. Ein Überbleibsel aus der vergangenen Halloween-Nacht.
Der Lenker brummelte nur etwas Unverständliches, und das Taxi fuhr
ab. Ein paar Blocks schnurgerade Richtung Süden war keine allzu einträgliche
Fuhre. Alltagsgeschäft eben. Ich schloss meine Augen. Kehrte
an den Ort zurück, den ich gerade verlassen hatte. Das Schwarzhaarige
Mädchen von Egon Schiele tauchte wieder vor mir auf. Jenes Bild, das
ich noch vor wenigen Minuten so intensiv, so inbrünstig im Museum of
Modern Art studiert hatte. Es ganz und gar verschlang. Mich zerrissen
fühlte, bis ich endlich verstand. Oder zumindest zu verstehen glaubte,
was der an der Spanischen Grippe zugrunde gegangene Maler dem
Betrachter offenbarte. Schon morgen würde ich mich erneut dieser
Prüfung unterziehen. Bei einem anderen Bild, einem anderen Genie.
»Neun Dollar fünfzig, Lady«, forderte der Chauffeur seinen Lohn.
Alles war auf ein Minimum reduziert worden. Ich öffnete mein Portemonnaie
und gab ihm einen Zehner.
»Happy Halloween«, verabschiedete ich mich und trat auf den
Bürgersteig. Leichter Regen setzte ein. Ich schulterte meine klobige
schwarze Handtasche und strich durch mein schulterlanges brünettes
Haar. Zweiundvierzig Jahre alt. Die Hälfte davon hatte ich geträumt,
irgendwann einmal hier zu leben. Mitten in Manhattan. Nun war es
geschehen. Doch ich war nicht glücklich. Spürte eigentlich nichts bis
auf ein Gefühl, das sich immer wieder wie eine lähmende Angst quer
durch meinen Körper zog. Ich ging in das kleine Lebensmittelgeschäft
eines gebürtigen Syrers namens Ahmet und ließ mir in dünnen weißen
Plastiktüten mein Abendessen einpacken. Eine Zwei-Liter-Flasche
Orangensaft, Fladenbrot, Oliven, Käse und eine süße orientalische
Köstlichkeit, deren Namen ich mir nicht merken konnte. Wieder auf
der Straße huschte ich durch den stärker werdenden Niederschlag und
trat rasch unter das kurze Vordach des Hotels, in dem ich seit ein paar
Tagen logierte. Die Zimmer im Yardiott wurden je nach Saison und
Ausstattung zwischen hundertfünfzig und zweihundert Dollar pro
Nacht an Touristen oder Geschäftsreisende verhökert. Eigentlich ein
stolzer Preis, nicht aber für New Yorks 5th Avenue. Ich hatte mit dem
Manager gesprochen und wurde schließlich für fünfhundert Dollar
pro Woche, ein halbes Jahr im Voraus, in einem Queen-Size-Room im
26. Stock einquartiert. Cash, versteht sich. Ohne Zimmerservice. Wäschetausch
alle sieben Tage. Staubsauger und Putzutensilien konnten
bei den Etagenmädchen ausgeliehen werden. Ich hatte seit Kindheit an
genügsam gelebt. Und würde das so lange weiter tun, bis der Krebs in
mir mich zerfressen hatte.
*
Nachdem ich meine Mahlzeit an dem schmalen Schreibtisch neben
der Fensterfront eingenommen hatte, legte ich mich auf die Polstercouch
gegenüber und machte den Fernseher an. Zappte mich durchs
Programm und blieb schließlich bei einer Sendung über Astronomie
hängen. Das Gesetz der Sterne hatte mich stets fasziniert, mich mitunter
jedoch auch meines eigenen Lebenssinns beraubt. Im Bestreben,
etwas zu begreifen, was nicht zu begreifen war. Hier in diesem urbanen
Moloch, diesem Meer aus Licht waren die funkelnden Punkte am
nächtlichen Himmel nicht zu erkennen. Und damit verschwand für die
Menschen auch der Blick nach draußen. Die Demut vor wahrer Größe
und Schönheit. Wer keine Sterne sah, sah nur noch sich selbst. Und den
kleinen Haufen, den er aus dem Erdboden scharrte. So hatte ich schon
immer gedacht. Auch in jenen Tagen, an denen ich noch Ideale vor mir
hertrug. An denen ich noch an etwas glauben wollte. Doch diese Tage
waren gezählt. Noch ehe ich jenen verhängnisvollen Anruf erhalten
hatte. Ich entsann mich an diesen Tag zurück, während vom Bildschirm
an der Wand der mächtige Jupiter seine Kreise zog.
*
»Mary«, meldete sich die Stimme des Betriebsarztes, als ich den Hörer
zu meinem Büroanschluss abgenommen hatte. »Doktor Wincastle
hier. Komme doch im Laufe des Nachmittags zu mir rüber. Die Untersuchungsergebnisse
sind da.« Die Mitarbeiter der Forschungslabors
mussten sich alle drei Monate einem gründlichen Medizincheck unterziehen.
Das war Standard. Nicht Standard hingegen war, dass man nach
Auswertung der Tests angerufen wurde. Irgendetwas konnte also nicht
stimmen. Ich brach die Analyse der Versuchsreihe ab, die wir uns am
Vortag vorgenommen hatten, und ging auf direktem Weg zu Wincastles
Ordinationsraum.
»Spuck‘ es schon aus«, forderte ich mein Gegenüber ohne Umschweife
auf, während ich mich in den breiten Drehlederstuhl vor
seinem Schreibtisch setzte. Wincastles Blick ging nach unten. Hin zu
einem Fluchtpunkt, in den er sich zu verkriechen suchte. Das war an
seiner ganzen Körperhaltung herauszulesen. Er atmete tief und schwer,
ehe er sich sammelte und mir dann direkt ins Gesicht sah.
»Wie lange kennen wir uns jetzt schon, Mary?«, stellte er mir eine
etwas zu durchsichtige Frage. Er wollte Zeit gewinnen. Was das in mir
wachsende Unwohlsein gerade noch förderte. Nichtsdestotrotz spielte
ich mit.
»Seit ich hier angefangen habe, Clarke. Beinahe siebzehn Jahre ist das
mittlerweile her.« Er nickte wohl wissend. Es hatte eine Zeit gegeben,
da hatten wir so etwas wie Gefühle zueinander gehegt. Doch es war nie
über einen heißen Flirt hinausgegangen. Wie so oft in meinem Leben.
»Ich habe mir gemeinsam mit Professor Byton aus der Zentrale
die Ergebnisse der Magnetresonanz deines Bauchraumes angesehen.«
Byton war der Chefarzt des Unternehmens, das in Saint Louis seinen
Hauptsitz hatte. Dazu kamen Niederlassungen in einunddreißig Bundesstaaten
und viele weitere auf der ganzen Welt. Der Doktor blickte
mich ernst an, während mein Pulsschlag in den Ohren zu pochen begann.
»Bauchspeicheldrüsenkrebs«, würgte er, auf weitere Umschweife
verzichtend, hervor. Ich riss meine Augen weit auf. Ich hatte mit
vielem gerechnet. Doch nicht mit einem Todesurteil.
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