Die Herrschaft der Großväter

Der Autor:

Michael Koller, geboren am 14. März 1972, lebt in Hoheneich bei Gmünd im Waldviertel. Nach Abschluss der Handelsakademie war er in unterschiedlichen Berufszweigen tätig und lernte so den Facettenreichtum des Lebens bestens kennen. Seine Leidenschaft war und ist das Schreiben. Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte, Romane und Internetblogs umreißen das Repertoire des Enfant Terribles der Waldviertler Schreibzunft. Mit »Die Herrschaft der Großväter« realisierte er sein siebentes Krimiprojekt im Verlag federfrei. Schön und grob. Harsch und liebevoll. Kaum alltäglich. Damit sind die Leitmaximen von Michael Kollers Schaffen treffend umschrieben.

Kurzbeschreibung:

Mikhail Volkov wächst in der Ukraine in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater Alkoholiker, seine Mutter gleichgültig, flüchtet er sich vor den Misshandlungen im eigenen Heim und tritt in die Armee ein. In der Kaserne angekommen, wird er mit dem brutalen System der Dedowschtschina konfrontiert: Der Herrschaft der Großväter, die alle Rekruten über die Neuankömmlinge ausüben. Nach Jahren der Unterdrückung wird Volkov schließlich selbst ein Großvater - und zieht nach seinem Ausscheiden aus der Armee eine blutige Spur der Gewalt hinter sich her.

Einschätzung:

Abwechselnd im Tagesgeschehen und in autobiografischen Rückblenden wird das Leben der Hauptfigur Mikhail Volkov durchleuchtet, das bis auf wenige Ausnahmen eine beklemmende Szenerie offenbart. Die Figur des Hauptprotagonisten wird dabei bis runter zu den Gebeinen seziert und liefert mitunter das verstörende Bild einer zerschundenen Seele, der selbst in den hellsten Momenten ihre Monstrosität nicht abhandenkommt. Mikhail Volkov ist all das was man hasst, wenn man sich frühmorgens im Spiegel betrachtet und spätabends erkennen muss, dass dieses Bild an einem miesen Tag ganz nahe neben einem selbst steht.

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Presseinformation:


Leseprobe:

1

Die Vergangenheit war eine Prophezeiung dessen, was kommen
sollte. Wäre ich ein Poet gewesen, hätte ich es eleganter
auszudrücken vermocht. Doch ich war kein Poet. Nur eine
dunkel gekleidete Gestalt, die dem Herbstwind trotzte. Ich
suchte in der Deckung einer kurzen Plakatwand Schutz und
steckte mir eine Camel an. Leichter Regen setzte ein. Irgendwo
hinter den grauen Wolken stand die Sonne am Firmament.
Verdeckt vom Schleier irdener Gewalten. Ich ging weiter. Ließ
die glimmende Zigarette aus dem Mundwinkel baumeln. Ein
Wohnblock reihte sich an den anderen. Dreißig Stockwerke
hoch. An der Basis sehr breit, verjüngten sich die Türme mit
zunehmender Höhe. Ähnlich einer Skateboardrampe. Die unteren
Geschosse waren mit Balkongärten versehen, deren Eigentümer
wuchtige Kistenpflanzen als Sichtschutz hingestellt
hatten. Mich störten diese individuellen Abweichungen von
Farbe und Symmetrie. Brachten Chaos in die Wahrnehmung einer
ansonsten weißen Wand mit schmalen Fensterbändern und
dunklen Einbuchtungen. Zerkratzten das Bild der Perfektion.
Es war später Nachmittag, und immer mehr Menschen zogen
eiligen Schrittes an mir vorüber. Kinder von der Ganztagsschule,
die zurück zu ihren Eltern kehrten. Männer in schwarzen
Mänteln oder verschmutzter Arbeitskleidung. Frauen im schicken
Kostüm ebenso wie in legeren Jeans. Der Strom aus der
nahe gelegenen Untergrundbahnstation riss nicht ab, und ich
verlangsamte weiter mein Tempo. Sah in diese Gesichter, die
vor Schmerz verzerrt, vor Hoffnung gespannt oder vor Gleichgültigkeit
zerstört waren. Ich ließ die Kippe fallen, zertrat sie
und zündete eine neue Zigarette an. Inhalierte den Rauch und
dachte zurück an Charkiw, wo ich in einer vergleichbar großen
Wohnsiedlung wie dieser aufgewachsen war. Natürlich in
einer nicht vergleichbaren Infrastruktur. Und doch waren die
Menschen dieselben geblieben. Bloß steckten sie in anderen
Körpern. Hatten andere Geschichten zu erzählen, andere Biographien,
hatten vielleicht auch andere Ideologien im Kopf. Ich
begab mich zu einem der zahllosen Eingangsportale. Sie waren
von braunen Säulen flankiert und erinnerten ein wenig an Periskope.
Dort stieg ich die grauen, von Handläufen gesäumten
Stufen zum Foyer hoch. Ich setzte mich in eines der harten,
leicht ramponierten Kunstledersofas und wartete darauf, dass
der Feierabendansturm langsam abklang. Obwohl ich mein
ganzes Leben lang immer wieder inmitten großer Menschenansammlungen
gestanden hatte, fühlte ich mich stets besser,
wenn ich allein war. Niemand rings um mich herum war, dessen
Geruch ich wahrnehmen oder dessen Stimme ich ertragen
musste. An der Wand direkt vor mir war ein raumhohes Gemälde
von Alfred Hrdlicka angebracht, das ich bei jeder sich
bietenden Gelegenheit intensiv studierte. Eigentlich hatte ich
von darstellender Kunst wenig Ahnung, da ich mich mehr für
Literatur interessierte, doch nach und nach hatte ich mir dieses
spezielle Werk erschlossen. Erkannte das Leid, die Angst, den
Schmerz und auch die Bedrohung, die in den blassen Gesichtern
der dort hingemalten Leute standen. Und je intensiver ich
diese Szenerie betrachtete, desto mehr Ähnlichkeit erkannte
ich zu jenen Menschen, denen ich gerade erst begegnet war.
Wenn auch in einem völlig anderen Kontext. Hrdlickas Figuren
ächzten unter dem Joch der Unterdrückung, jene in meinem
Kopf unter dem Stiefel des Mammons. Beides hatte seinen
ureigenen Schrecken. Nach zwei weiteren Zigaretten erhob ich
mich schließlich. Begab mich zu einem der Lifte und fuhr allein
in der Kabine hoch in den achtzehnten Stock. Dort schloss
ich die Tür zu meiner kleinen Wohnung auf, streifte die Schuhe
ab und holte aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier. Als ich
mit dem Getränk in der Hand raus auf die Loggia ging und
runterblickte auf all die Ameisen, die über die Gehsteige wimmelten,
nahm ich einen tüchtigen Zug. Und mir kam wieder
der Tag in den Sinn, als ich mit sechzehn zum ersten Mal einen
Menschen getötet hatte.

Rückblende

Was mochten das für Bäume sein, die da draußen in Reih und
Glied angeordnet standen? Schief wie Betrunkene und doch
standfest wie die Zinnsoldaten. Keinerlei Äste griffen aus ihren
Flanken. Bloß in den Himmel ragende Wassertriebe. Es musste
Wochenende gewesen sein. Denn Vater und Mutter waren am
späten Vormittag in unserer kleinen Wohnung anwesend. Und
ich nicht im Kindergarten. Ich betrachtete diese Bäume vom
Rand des in Wellblech gefassten Balkons weiter, während jenseits
der Erkertür Glas zu Bruch zu gehen drohte. Wie seltsam
die Natur doch war, die solche Gewächse in dieser Betonwüste
überleben ließ. Die auch mich erschaffen hatte, um mir vor Augen
zu führen, wozu sie imstande war. Und wozu die Geschöpfe
imstande waren, die sie sonst noch hervorgebracht hatte.
Ich blickte nach vorn, nach oben, nach unten. Nach links und
nach rechts. Überall glatte helle Fassaden, die von knapp bemessenen
Ausbuchtungen und Vorsprüngen kurz aus dem Tritt
gebracht wurden, ehe sie wieder in der Ganzheit der Monotonie
ineinander verschmolzen. Bloß jene mit dunkler Rinde
überzogenen Bäume brachten Verwirrung in dieses Bild. Und
die Schreie, die langsam von drinnen zu meinen Ohren drangen.
Das war meine erste Erinnerung an das Leben, in das man
mich hineingeboren hatte.

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